{"id":30221,"date":"2020-09-30T11:06:57","date_gmt":"2020-09-30T09:06:57","guid":{"rendered":"https:\/\/factorialhr.com\/blog\/?p=30221"},"modified":"2025-03-13T18:17:54","modified_gmt":"2025-03-13T16:17:54","slug":"bem-prozess-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/factorialhr.de\/blog\/bem-prozess-interview\/","title":{"rendered":"Interview: Warum die Menschlichkeit im BEM nie zu kurz kommen darf"},"content":{"rendered":"<p>Wir hatten bereits zuvor in unserem Blog dar\u00fcber gesprochen, worum es sich beim <a href=\"https:\/\/factorialhr.de\/blog\/bem\/\">Betrieblichen Eingliederungsmanagement (kurz BEM)<\/a> handelt, wann es zum Einsatz kommt und welche Formalit\u00e4ten dabei zu beachten sind.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber wir allerdings noch nicht gesprochen haben, ist die zwischenmenschliche Komponente und die Wichtigkeit einer Vertrauensbasis. Wie k\u00f6nnen Unternehmen ein mitarbeiterorientiertes BEM anbieten und eine L\u00f6sung finden, die allen Beteiligten zugute kommt?<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr haben wir mit Sabine Brandt, Expertin f\u00fcr Mitarbeiterf\u00fchrung und Kommunikationsexpertin im BEM gesprochen und m\u00f6chten in diesem Artikel Ihre Einblicke mit Ihnen teilen.<\/p>\n<h2><strong>Hallo Frau Brandt, wir hatten ja bereits das Vergn\u00fcgen ein Interview mit Ihnen zu f\u00fchren. Es w\u00e4re toll, wenn Sie sich den Leser*innen noch einmal kurz vorstellen k\u00f6nnten. Wie kamen Sie zu dem Thema BEM?<\/strong><\/h2>\n<p>Sch\u00f6n, dass wir uns wieder zu einer spannenden Fragestellung Gedanken machen. Ich bin Seminaranbieterin und Trainerin. Meine Schwerpunkte liegen neben F\u00fchrungstrainings bei der Kommunikation im BEM sowie bei Gesundheits- und Krankengespr\u00e4chen.<\/p>\n<p>In meinem Berufsleben war ich rund 25 Jahre lang in HR-Bereichen von verschiedenen Firmen t\u00e4tig. Als Personalreferentin habe ich viele Gespr\u00e4che rund um das Thema Krankheit gef\u00fchrt \u2013 schon bevor BEM bekannt wurde. Und irgendwie war das oft unbefriedigend und lie\u00df vermutlich bei allen Beteiligten kein gutes Gef\u00fchl zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Von einem meiner Arbeitgeber wurde ich vor Jahren beauftragt, eine Betriebsvereinbarung zum BEM zu verhandeln und das BEM-Team zu schulen, Leitf\u00e4den zu Gespr\u00e4chen rund um das Thema Gesundheit und Krankheit mit dem Betriebsrat zu erarbeiten und dann auch alle F\u00fchrungskr\u00e4fte zu dem Thema zu schulen. Die Arbeit von uns allen wurde durch einen Preis f\u00fcr vorbildliches BEM belohnt.<\/p>\n<p>In diesem Prozess und in der Verhandlung mit dem Betriebsrat und der Schwerbehindertenvertretung habe ich selbst viel dazugelernt.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eDa dachte ich, wie schade es ist, dass so viele Kolleg*innen aus Betrieben, Beh\u00f6rden und anderen Institutionen solche Gespr\u00e4che f\u00fchren, ohne das je gelernt zu haben. So wie ich das eben auch gemacht hatte: nach bestem Wissen und Gewissen.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Das geht aber besser und aus diesem Grund biete ich meine <a href=\"https:\/\/www.brandt-seminare.de\/BEM\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kommunikationstrainings<\/a> an, in denen wir auch \u00fcber die Rolle von BEM-Beauftragten sprechen, Gespr\u00e4chstechniken erlernen und schwierige Gespr\u00e4che \u00fcben. Trainings biete ich auch f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte an, die ihre Kompetenz in Gesundheits- bzw. Krankengespr\u00e4chen entwickeln m\u00f6chten.<\/p>\n<h2><strong>Was ist das Ziel des BEM und wer sollte beim BEM-Prozess beteiligt sein?<\/strong><\/h2>\n<p>Die Ziele des BEM stehen ganz eindeutig im Gesetz (\u00a7 167 Abs. 2 SGB IX) Arbeitgeber m\u00fcssen BEM anbieten, wenn Besch\u00e4ftigte innerhalb von 12 Monaten (rollierend) l\u00e4nger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt krank sind. Es soll \u201e<strong>die Arbeitsunf\u00e4higkeit m\u00f6glichst \u00fcberwunden werden<\/strong>\u201c und man schaut, \u201e<strong>mit welchen Leistungen oder Hilfen erneuter Arbeitsunf\u00e4higkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann<\/strong>.\u201c Dieser gesetzliche Auftrag schafft Rollenklarheit. Das hei\u00dft die BEM-Beauftragten sind so etwas wie \u201eAnw\u00e4lte der Besch\u00e4ftigten\u201c.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eEs geht immer darum, dass die Menschen gesund werden, gesund bleiben und Jobs erhalten werden.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Das kann f\u00fcr alle Beteiligten anstrengend werden. Je nach Fall m\u00fcssen Arbeitgeber ggf. Arbeitsbedingungen ver\u00e4ndern, Konflikte schlichten oder auf Besch\u00e4ftigte verzichten, weil diese zur Reha gehen.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eAndererseits ist BEM ist keine H\u00e4ngematte f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten, sondern kann auch ihnen einiges abverlangen.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Vielen f\u00e4llt es schwer, mit ver\u00e4nderten Arbeitsabl\u00e4ufen klarzukommen, eine Weiterbildung zu absolvieren, sich Konflikten zu stellen oder daran zu arbeiten, wenn man sich gesundheitssch\u00e4dlich verh\u00e4lt (z.B. Rauchen, wenig Bewegung, starkes \u00dcbergewicht, \u2026).<\/p>\n<p>Wer genau bei BEM beteiligt sein soll, haben Firmen, Beh\u00f6rden und Institutionen unterschiedlich geregelt. Oft sprechen beim Erstkontakt lediglich der Besch\u00e4ftigte sowie der\/die BEM-Beauftragte miteinander. Danach wird entschieden, wie es weitergeht und wer im BEM-Prozess helfen kann. Das k\u00f6nnen beispielsweise sein:<\/p>\n<ul>\n<li>Werksarzt\/Werks\u00e4rztin<\/li>\n<li>Betriebsratsmitglied und\/oder Schwerbehindertenvertretung<\/li>\n<li>die F\u00fchrungskraft<\/li>\n<li>Eine Vertrauensperson \u2013 durchaus auch aus dem privaten Umfeld<\/li>\n<li>Unterst\u00fctzer vom Integrationsamt \/ Integrationsfachdienst<\/li>\n<li>Fachkraft f\u00fcr Arbeitssicherheit<\/li>\n<li>Mediator*in \/ Coach<\/li>\n<li>oder wer auch immer einen hilfreichen Beitrag leisten kann. Hier sind keine Grenzen gesetzt<\/li>\n<\/ul>\n<h2><strong>Welche Aufgaben und Verantwortungen \u00fcbernehmen BEM-Beauftragte? Welche Soft-Skills sind daf\u00fcr wesentlich?<\/strong><\/h2>\n<p>BEM-Beauftragte sorgen daf\u00fcr, dass die Besch\u00e4ftigten die bestm\u00f6gliche Unterst\u00fctzung erhalten. Neben der Fachkenntnis (z.B. wo bekomme ich Unterst\u00fctzung her?) sind tats\u00e4chlich einige Soft-Skills f\u00fcr den Erfolg von BEM entscheidend. Hierzu geh\u00f6ren beispielsweise:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Emotionale Kompetenz und Empathie<\/strong>: BEM-Beauftragte sollen Emotionen der Besch\u00e4ftigten nachempfinden k\u00f6nnen, aber nicht mitleiden, sondern sich auch abgrenzen k\u00f6nnen<\/li>\n<li><strong>Kommunikationsf\u00e4higkeit<\/strong>: um eine vertrauensvolle Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re aufzubauen, in der sich die Besch\u00e4ftigten \u00f6ffnen.<\/li>\n<li><strong>Kontaktfreude:<\/strong> sie m\u00fcssen netzwerken k\u00f6nnen, damit breite Hilfsangebote und Unterst\u00fctzende zur Verf\u00fcgung stehen<\/li>\n<li><strong>Durchsetzungsf\u00e4higkeit:<\/strong> damit die Ma\u00dfnahmen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch umgesetzt werden \u2013 und zwar so schnell wie m\u00f6glich<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/factorialhr.de\/blog\/verschwiegenheitserklaerung\/\">Verschwiegenheit<\/a>: die Inhalte von BEM-Gespr\u00e4chen sind streng vertraulich<\/li>\n<li><strong>Durchhalteverm\u00f6gen:<\/strong> bei schwierigen und ver\u00e4nderlichen gesundheitlichen Themen kann sich ein BEM-Prozess \u00fcber Jahre hinweg ziehen. Manchmal lehnen Besch\u00e4ftigte BEM auch erstmal ab und irgendwann sp\u00e4ter stimmen sie einer Teilnahme doch zu.<\/li>\n<li><strong>Reflexionsverm\u00f6gen:<\/strong> BEM-Beauftragte sollten ihr Verhalten regelm\u00e4\u00dfig kritisch hinterfragen. Wo liefen die Gespr\u00e4che gut und an welcher Stelle w\u00fcrden sie n\u00e4chstes Mal anders agieren?<\/li>\n<li><strong>Frustrationstoleranz:<\/strong> nicht jede*r Besch\u00e4ftigte und nicht jede F\u00fchrungskraft agiert konstruktiv im BEM. Das ist normal. Manchmal sind die Erkrankungen von Besch\u00e4ftigten auch so, dass sich trotz allen Engagements keine wesentliche Besserung erreichen l\u00e4sst. Das alles darf BEM-Beauftragte nicht zu sehr frustrieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es sch\u00f6n, wenn die BEM-Beauftragten hier schon Potenzial mitbringen. Vieles l\u00e4sst sich jedoch auch mit Trainings lernen oder in einem Erfahrungsaustausch reflektieren.<\/p>\n<h2><strong>Das BEM ist oft ein heikles Thema f\u00fcr Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wie schafft man es, die richtige Basis und das Vertrauen f\u00fcr ein erfolgreiches BEM aufzubauen?<\/strong><\/h2>\n<p>Vertrauen ist die Basis von allem. Wenn die Besch\u00e4ftigten Angst haben, schlechte Erfahrungen gemacht haben, misstrauisch sind, \u2026 kommt kein konstruktives BEM-Gespr\u00e4ch zustande. Schlie\u00dflich sind Gesundheitsthemen etwas sehr Privates. Besch\u00e4ftigte m\u00fcssen sicher sein k\u00f6nnen, dass ihnen kein Strick aus dem gedreht wird, was sie preisgeben. BEM muss daher zwingend so gestaltet sein, dass Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung voll dahinterstehen und den Besch\u00e4ftigten Mut machen, am BEM teilzunehmen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen die F\u00fchrungskr\u00e4fte wissen, was BEM ist und dass sie dadurch in Ihrer F\u00fchrungsarbeit entlastet werden. Auch sie sollten BEM unterst\u00fctzen.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eBEM muss regelm\u00e4\u00dfig kommuniziert werden, so dass die Besch\u00e4ftigten dar\u00fcber informiert sind und nicht erschrecken, wenn sie kontaktiert werden.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn die entsprechenden Besch\u00e4ftigten einverstanden sind, kann man beispielsweise erfolgreiche F\u00e4lle publik machen (z.B. in der Unternehmenszeitung). Die BEM-Beauftragten k\u00f6nnen au\u00dferdem in Abteilungs- oder Teammeetings gehen und F\u00fchrungskr\u00e4fte oder Besch\u00e4ftigte f\u00fcr BEM gewinnen. Dar\u00fcber hinaus braucht es geeignetes Kommunikationsmaterial (attraktive Flyer und Anschreiben).<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eInsgesamt m\u00fcssen sowohl Unternehmenskultur sowie der erwartete F\u00fchrungsstil von F\u00fchrungskr\u00e4ften passen. Andernfalls wirkt BEM unglaubw\u00fcrdig.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<h2><strong>Was \u00fcbersehen Unternehmen dabei oft bzw. was sollten sie unbedingt vermeiden?<\/strong><\/h2>\n<p>Ganz kritisch ist es, wenn Besch\u00e4ftigte schlechte Erfahrungen mit Gesundheits- und Krankengespr\u00e4chen und ihren F\u00fchrungskr\u00e4ften gemacht haben. Zu oft werden diese Gespr\u00e4che gar nicht oder als \u201eKrankmacherentlarvungsgespr\u00e4che\u201c gef\u00fchrt. Das hei\u00dft Besch\u00e4ftigte haben oft den Eindruck, dass nur ihre Arbeitskraft z\u00e4hlt, aber nicht sie als Mensch. Die Chance, dass sie sich dann im BEM \u00f6ffnen ist eher gering, da sie nicht glauben, dass es der Arbeitgeber diesmal ernst meint.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eDie Art, wie Kranken- und BEM-Gespr\u00e4che gef\u00fchrt werden, muss zusammenpassen: n\u00e4mlich f\u00fcrsorglich, wertsch\u00e4tzend und l\u00f6sungsorientiert.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Das bringt mich auch zum Thema F\u00fchrung. Neben passenden Aufgaben und Arbeitsbedingungen ist eine gute F\u00fchrung der beste Hebel, um die Gesundheit von Besch\u00e4ftigten positiv zu beeinflussen.<\/p>\n<p><strong>Wer sollte BEM-Beauftragte*r werden?<\/strong> H\u00e4ufig sind Mitglieder des Betriebsrates oder Schwerbehindertenvertreter*innen gleichzeitig BEM-Beauftragte. Das passt gut zur Rolle von BEM-Beauftragten als \u201eAnwalt der Besch\u00e4ftigten\u201c.<br \/>\nManchmal werden auch HR-Mitarbeiter*innen mit der Aufgabe von BEM-Beauftragten betraut. Das kann gut funktionieren, wenn die HR-Besch\u00e4ftigten z.B. im Gesundheitsmanagement t\u00e4tig sind.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eKritisch wird es, wenn die HR-Mitarbeiter*innen auch arbeitsrechtlich verantwortlich sind. Das f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig zu Rollenkonflikten.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Manche HR-Mitarbeiter*innen bekommen den Spagat trotzdem gut hin. Ideal ist die Konstellation jedoch nicht.<\/p>\n<p><strong>Was darf in BEM angesprochen werden?<\/strong> Nicht nur BEM-Beauftragte, sondern auch F\u00fchrungskr\u00e4fte sind sehr unsicher, inwiefern auch private Themen besprochen werden sollen. Aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnen private Belastungen genauso krank machen wie Faktoren in Unternehmen. Ein Berg voll Schulden, ein Pflegefall in der Familie, Erziehungs- oder Partnerschaftsprobleme sind nicht zu untersch\u00e4tzen. Nat\u00fcrlich kommen hier BEM-Beauftragte schnell an ihre fachlichen Grenzen. Aus diesem Grund ist ein Netzwerk wichtig. BEM-Beauftragte m\u00fcssen wissen, welche Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten es gibt (z.B. Schuldner- oder Familienberatung). Im Idealfall bieten Unternehmen, Beh\u00f6rden oder Institutionen auch eine Sozialberatung oder EAP (employee assistance program), die sich auch bei solchen Themen auskennen und im BEM einen positiven Beitrag leisten.<\/p>\n<p>Auch sollten BEM-Beauftragte die sozialen Gegebenheiten im Blick haben, mit denen der\/die Besch\u00e4ftigte zu tun hat. Diese k\u00f6nnen f\u00f6rderlich oder hinderlich sein oder sogar ausschlaggebend f\u00fcr die Erkrankung.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eBEM-Beauftragte brauchen Weiterbildung.&#8220;<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Sie m\u00fcssen ihren Blick weiten, sich mit anderen BEM-Beauftragten austauschen und dazulernen. Nur so bekommen sie Rollenklarheit und entwickeln ihre Kompetenzen im BEM weiter.<\/p>\n<p>BEM-Beauftragte sollen auch hinterfragen, ob die Regelungen in der Betriebsvereinbarung sinnvoll sind. Nach rund einem Jahr Erfahrung mit BEM kann man die Betriebsvereinbarung \u00fcberarbeiten und so anpassen, dass sie gut handhabbar wird. Viele meiner Kunden haben im ersten Schritt eher \u201esperrige\u201c Formulierungen in ihren Schriftst\u00fccken und zu viele Formulare. Das stellt sich jedoch erst in der Praxis heraus.<\/p>\n<h2><strong>Das BEM wird oft mit der krankheitsbedingten K\u00fcndigung gleichgesetzt bzw. In Verbindung gebracht. Was ist Ihre Meinung dazu?<\/strong><\/h2>\n<p>Leider ist es wirklich so: wenn man im Internet nach \u201eBEM\u201c sucht, erscheint recht schnell auch das Thema \u201eKrankheitsbedingte K\u00fcndigung\u201c. <strong>Das erstaunt umso mehr, als es ja beim BEM um den Erhalt von Arbeitspl\u00e4tzen gehen muss.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird bei Ausspruch einer krankheitsbedingten K\u00fcndigung und einer Klage vor dem Arbeitsgericht gepr\u00fcft, ob die K\u00fcndigung das letztm\u00f6gliche Mittel war. Ja, dann wird auch geschaut, inwiefern BEM angeboten und angenommen wurde und erfolgreich war.<\/p>\n<p>In der Praxis werden krankheitsbedingte K\u00fcndigungen jedoch eher selten ausgesprochen. Bei einer krankheitsbedingten K\u00fcndigung muss u.a. eine negative Zukunftsprognose vorliegen. Das hei\u00dft die betreffenden Besch\u00e4ftigten haben eine ernsthafte Erkrankung. Aus ethischen Gr\u00fcnden wird hier oft auf K\u00fcndigungen verzichtet. Lieber w\u00fcrden Unternehmen vermeintliche \u201eKrankmacher\u201c loswerden. Hier gibt es jedoch keine negative Zukunftsprognose und das klappt daher nicht. Wenden wir jetzt das <a href=\"https:\/\/factorialhr.de\/blog\/pareto-prinzip\/\">Pareto-Prinzip<\/a> an, dann k\u00fcmmern wir uns doch erstmal um alle \u201enormalen\u201c BEM-F\u00e4lle, bevor wir uns \u00fcber den unwahrscheinlichen Fall einer krankheitsbedingten K\u00fcndigung Gedanken machen. BEM-Beauftragte m\u00fcssen sich zwingend als Kommunikationsprofis und Unterst\u00fctzer und nicht als Arbeitsrechtler sehen \u2013 auch wenn sie aus dem HR-Bereich kommen.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eDiese Verbindung zur krankheitsbedingten K\u00fcndigung ist aus meiner Sicht der gr\u00f6\u00dfte BEM-Verhinderer.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Bei manchen Unternehmen kann man wirklich den Eindruck gewinnen, es geht ihnen mehr um vermeintliche Rechtssicherheit als um Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten. Die Konsequenz sind viel zu viele Formulare, die eine empathische Gespr\u00e4chsf\u00fchrung st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht wird mit in diesem Formular-Krieg mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Wenn ich Kunden, die einen ganz furchtbaren Formular-Wust haben, frage, wie oft sie krankheitsbedingte K\u00fcndigungen einleiten, kommt oft die Antwort \u201eeigentlich gar nicht\u201c oder \u201eeinmal alle paar Jahre\u201c. Und da k\u00f6nnte man das Thema doch wirklich entspannter und mitarbeiterorientierter sehen. <strong>Der Fokus muss wieder dorthin, wo er hinsoll: auf die Hilfe f\u00fcr die Mitarbeiter.<\/strong><\/p>\n<p>Man muss die Gestaltung von Betriebsvereinbarungen und Formularen vielleicht historisch einordnen. Unternehmen, Beh\u00f6rden und Institutionen waren sich schlichtweg unsicher, wie BEM zu gestalten war und haben ihre Anw\u00e4lt*innen gefragt. Deren Aufgabe ist es nat\u00fcrlich, das BEM so rechtssicher wie m\u00f6glich zu machen. Das tut aber BEM nicht gut und man sollte \u00fcber mitarbeiterorientiertere Regelungen nachdenken.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eEs gibt oft zu viele Formulare und den Zwang zur Unterschrift. Dar\u00fcber hinaus ist die Sprache h\u00e4ufig sehr juristisch statt kundenorientiert und verst\u00e4ndlich. Das macht die Besch\u00e4ftigten misstrauisch. Im Zweifel kommt BEM nicht zustande. Und genau das muss sich \u00e4ndern.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<h2><strong>Haben Sie Tipps daf\u00fcr, wie man den ganzen Prozess angenehmer bzw. interaktiver gestalten kann, um zu verhindern, dass es ein \u201eTabuthema\u201d bleibt.<\/strong><\/h2>\n<p>Hier kann das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) einen wichtigen Beitrag leisten, genauso wie die Qualifizierung von F\u00fchrungskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Im BGM kann man das Thema Gesundheit in allen Facetten ins Bewusstsein holen und ohne Tabu dar\u00fcber sprechen. Das k\u00f6nnen beispielsweise Vortr\u00e4ge zu Themen sein wie Stress, Burnout, psychischen Belastungen (auch im privaten Bereich) oder Suchterkrankungen, die F\u00fchrungskr\u00e4fte und Besch\u00e4ftigte besuchen k\u00f6nnen. Auch zielgruppenorientierte Gesundheitsworkshops in kleinen Teams sind ein gutes Mittel, hier f\u00fcr mehr Offenheit zu sorgen.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eBesch\u00e4ftigten sollten Hilfsangebote auch auf eigene Initiative nutzen k\u00f6nnen, ohne erst um Genehmigung zu bitten (z.B. employee assistance programs). Das hilft, die Hemmschwelle zu senken.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Bei der Qualifizierung von F\u00fchrungskr\u00e4ften w\u00fcrde ich das Thema \u201eGesunde F\u00fchrung\u201c verankern, d.h. F\u00fchrungskr\u00e4fte lernen, wie sie Gesundheit zum Thema machen und eine bestm\u00f6gliche gesundheitsf\u00f6rderliche Umgebung und einen dazu passenden F\u00fchrungsstil schaffen k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich hat der richtige F\u00fchrungsstil einen sehr hohen Einfluss auf die Gesundheit von Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #695ee8;\">\u201eUnd ganz entscheidend ist hier die Empathie- und Kommunikationsf\u00e4higkeit von BEM-Beauftragten im Gespr\u00e4ch.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Sie m\u00fcssen den Besch\u00e4ftigten vermitteln, dass im BEM jedes Thema genannt werden darf. Und falls die Besch\u00e4ftigten erstmal doch misstrauisch sein sollten, k\u00f6nnen BEM-Beauftragte auf ihr Netzwerk zur\u00fcckgreifen und Wege aufzeigen (z.B. EAP, Psychosoziale Beratungsstelle der Stadt, \u2026).<\/p>\n<h2><strong>Gibt es sonst noch etwas, das Sie den Leser*innen mitteilen m\u00f6chten?<\/strong><\/h2>\n<p>Mein zentrales Anliegen ist, dass BEM (wieder) das wird, als was es urspr\u00fcnglich gedacht war: <strong>Unterst\u00fctzung f\u00fcr Besch\u00e4ftigte, damit diese gut zur\u00fcck in den Job kommen.<\/strong><\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt beispielsweise, BEM mitarbeiterorientiert zu gestalten (Betriebsvereinbarungen \u00fcberarbeiten, wenig Formulare). Au\u00dferdem sollen BEM-Beauftragte ihre Fach- und Sozialkompetenz weiterentwickeln k\u00f6nnen und <strong>das ganze Unternehmen muss an einem Strang ziehen<\/strong>. Damit meine ich nicht nur BEM- Beauftragte, Betriebsr\u00e4te und Schwerbehindertenvertretung, sondern auch F\u00fchrungskr\u00e4fte und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung.<\/p>\n<p>BEM ist eine tolle Sache. Ich habe viele engagierte BEM-Beauftragte kennengelernt, die Besch\u00e4ftigten gro\u00dfartig helfen konnten und wo alle Verantwortlichen daf\u00fcr gesorgt haben, dass die Hilfe schnell umgesetzt wurde. Da geht mir das Herz auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/factorialhr.de\/get-started\"><span style=\"color: green;\">Gewinnen Sie mit Factorial mehr Zeit f\u00fcr Ihre Mitarbeiter. Jetzt kostenlos <strong>testen<\/strong><\/span><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten bereits zuvor in unserem Blog dar\u00fcber gesprochen, worum es sich beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement (kurz BEM) handelt, wann es zum Einsatz kommt und welche Formalit\u00e4ten dabei zu beachten sind. Wor\u00fcber wir allerdings noch nicht gesprochen haben, ist die zwischenmenschliche Komponente und die Wichtigkeit einer Vertrauensbasis. 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