Am Arbeitsplatz kommen unterschiedlichste Persönlichkeiten zusammen, jede mit eigenen Denkweisen, Stärken und Schwächen. Erfolg entsteht, wenn diese diversen Charaktere effektiv zusammenarbeiten. Um dies zu fördern, müssen Führungskräfte und HR-Verantwortliche die verschiedenen Profile im Team verstehen. Ein in der Praxis oft genutztes, wenn auch wissenschaftlich umstrittenes Instrument hierfür ist der Myers-Briggs-Test (MBTI). Er kann erste Anhaltspunkte zur Optimierung der Teamdynamik und Aufgabenverteilung liefern.
Wichtige Fakten
- Der Myers-Briggs-Test (MBTI) ist ein Instrument zur Einordnung von Persönlichkeitspräferenzen in 16 verschiedene Typen, basierend auf vier Dimensionen.
- Obwohl der MBTI in der Unternehmenswelt weit verbreitet ist, wird seine wissenschaftliche Validität kritisch gesehen. Laut einer Studie erhalten rund 35 % der Personen bei einer Wiederholung des Tests nach nur vier Wochen ein anderes Ergebnis, wie sciencefocus.com berichtet.
- Trotz der Kritik wird der Test von über zwei Millionen Menschen jährlich genutzt, um laut sciencefocus.com Selbstwahrnehmung und Teamverständnis zu verbessern.
- Der Test kann als Ausgangspunkt dienen, um laut sciencefocus.com die Kommunikation zu verbessern und Aufgaben gezielter nach den natürlichen Neigungen der Teammitglieder zu verteilen.
Was genau misst der Myers-Briggs-Test?
Der Myers-Briggs-Typenindikator ist ein an die Psychologie angelehntes Verfahren, um bestimmte binäre Persönlichkeitstypen zu identifizieren. Entwickelt wurde der Test in den 1940er-Jahren von Katharine Cook Briggs und Isabel Briggs Myers, die sich dafür auf Theorien des Psychologen Carl Gustav Jung stützten – den Sie vielleicht aufgrund seiner Verbindungen zu Sigmund Freud kennen. Briggs und Myers hatten keinen formalen psychologischen Bildungshintergrund, weshalb der Test in der wissenschaftlichen Psychologie stark umstritten ist und oft als Pseudowissenschaft bezeichnet wird, wie wikipedia.org bestätigt.
Der Test, der in der offiziellen Version aus etwa 93 und in der detaillierten Variante aus rund 140 Fragen besteht, verfolgt zwei Ziele: Diejenigen, die den Test durchführen, sollen sich selbst besser kennenlernen – mitsamt all ihren Handlungs- und Denkweisen. Führungs- und HR-Kräfte könnten die Ergebnisse indes nutzen, um individueller auf die Persönlichkeit einzelner Teammitglieder einzugehen.
Wichtig: Der offizielle Myers-Briggs-Test ist lizenzpflichtig. Lediglich geschulte Beratende dürfen ihn anbieten. Kostenlose Varianten im Internet sind typischerweise an den MBTI angelehnt, werden aber nicht als offiziell anerkannt.
Wie ist der Myers-Briggs-Test aufgebaut?
Der Myers-Briggs-Persönlichkeitstest bewertet Menschen und ihren Charakter auf vier Dimensionen. Jede einzelne Dimension hat jeweils ein gegensätzliches Paar, das immer eine Charaktereigenschaft beziehungsweise Eignung abbildet. Wer den Myers-Briggs-Test macht, wird sich daher bei über 90 Aussagen immer zwischen zwei Optionen pro Aussage entscheiden müssen.
1. Dimension E/I: Extraversion oder Introversion?
Introvertiert oder extravertiert? Darum geht es bei dieser Dimension: Extravertierte Menschen gehen aus sich heraus und ziehen aus dem Miteinander ihre Energie, introvertierte Menschen sind zurückgezogener und laden ihre Akkus abseits anderer Menschen auf.
2. Dimension S/N: Sensitivität oder Intuition?
Sensitivitäts-Typen bevorzugen konkrete Informationen und nehmen diese faktenbezogen auf. Intuitions-Typen denken abstrakter und entscheiden häufiger nach ihrem Bauchgefühl.
3. Dimension T/F: Denken oder Fühlen?
Thinking-/Denken-Typen sind objektiv, nüchtern und entscheiden logikorientiert. Fühlen-Typen sind typischerweise empathischer sowie sensibler. Außerdem lassen sie sich bei ihren Entscheidungen eher von Emotionen leiten.
4. Dimension J/P: Beurteilen oder Wahrnehmen?
Beurteilen-/Judging-Typen haben feste Denkmuster, treffen zügig Entscheidungen und verfolgen strikte Lebens- und Karrierepläne. Wahrnehmungs-/Perceiving-Typen sind generell flexibler. Sie haben die Fähigkeit, sich zügiger an sich verändernde Umstände anzupassen.
Der Myers-Briggs-Typenindikator unterstellt, dass in jeder dieser vier Dimensionen ein Mensch eine der beiden genannten Neigungen hat. Das gesamte Persönlichkeitsprofil, abgebildet durch 16 Persönlichkeitstypen, entsteht durch die Summe der vier Dimensionen.
Ist jemand also introvertiert, sachlich, denkt logisch und agiert strukturiert, wäre die Typen-Kombination „ISTJ“.
Die 16 Persönlichkeitstypen in der Übersicht
Sie möchten mehr über die einzelnen Persönlichkeitstypen erfahren? Dann haben wir eine kompakte Tabelle für Sie vorbereitet, in der Sie einen ersten Blick darauf werfen können. Sie möchten es noch genauer wissen? Mit einem Klick auf den jeweiligen Typ gelangen Sie zu unseren separaten Blogs aus unserer Myers-Briggs-Artikelserie – dort legen wir die jeweiligen MBTI-Typen unter das Mikroskop.
| MBTI-Typ | Rollenbild (keine offizielle MBTI-Bezeichnung) | Kurzbeschreibung |
| ISTJ | Der Pflichtbewusste | präzise, verlässlich, organisiert |
| ISFJ | Der Helfer | loyal, fürsorglich, sehr unterstützend |
| INFJ | Der Visionär | empathisch, zielfokussiert, tiefgründig |
| INTJ | Das Mastermind | planvoll, analytisch, autonom |
| ISTP | Der Tüftler | lösungsorientiert, ruhig, praktisch |
| ISFP | Der Freigeist | kreativ, eher zurückhaltend, sensibel |
| INFP | Der Idealist | werteorientiert, empathisch, authentisch |
| INTP | Der Architekt | logisch denkend, erfinderisch, theoretisch orientiert |
| ESTP | Der Macher | handlungsorientiert, voller Energie, spontan |
| ESFP | Der Entertainer | sehr gesellig, lebensfroh, leicht zu begeistern |
| ENFP | Der Entdecker | motivierend, offen für alles, kreativ |
| ENTP | Der Erfinder | experimentierfreudig, neugierig, schlagfertig |
| ESTJ | Der Organisator | Führungskompetenz, praktisch, effizient |
| ESFJ | Der Versorger | hilfsbereit, harmonieorientiert, fürsorglich |
| ENFJ | Der Mentor | engagiert, ausdrucksstark, charismatisch |
| ENTJ | Der General | durchsetzungsfähig, zielstrebig, strategisch |
Die vier übergeordneten Rollengruppen
Zur besseren Orientierung werden die 16 Typen oft in vier übergeordnete Gruppen, sogenannte Rollen, eingeteilt, die auf den Buchstabenkombinationen NT, NF, SJ und SP basieren:
- Analysten (NT): Diese Gruppe umfasst die Typen INTJ, INTP, ENTJ und ENTP. Sie gelten als strategische und logische Denkende.
- Diplomaten (NF): Hierzu gehören INFJ, INFP, ENFJ und ENFP. Sie sind bekannt für ihre Empathie und ihre idealistische Werteorientierung.
- Wächter (SJ): Die Typen ISTJ, ISFJ, ESTJ und ESFJ bilden diese Gruppe. Sie werden als praktisch, ordnungsliebend und zuverlässig beschrieben.
- Forscher (SP): Diese Gruppe besteht aus ISTP, ISFP, ESTP und ESFP. Sie zeichnen sich durch Spontaneität und Einfallsreichtum aus.
Wie lässt sich der MBTI im Unternehmen praktisch anwenden?
Zunächst müssen Sie die Grundvoraussetzungen schaffen. Das bedeutet in der Praxis: Sie selbst ebenso wie Teammitglieder sollten den Myers-Briggs-Test durchführen. Die Teilnahme muss freiwillig sein. Kommunizieren Sie klar, dass der Test nicht zur Leistungsbewertung dient, sondern als Werkzeug zur besseren Zusammenarbeit und zur gezielten Förderung individueller Stärken gedacht ist. Es ist wichtig zu betonen, dass der MBTI laut offizieller Empfehlung von mbtionline.com nicht für Einstellungsentscheidungen oder die Zuweisung zu bestimmten Positionen verwendet werden sollte.
- Die Kommunikation verbessern: Spezifischer auf die Persönlichkeit des Gegenübers eingehen und Verständnis für verschiedene Denk- und Handlungsweisen entwickeln.
- Konflikte unterbinden: Persönlichkeiten im Team besser zusammenbringen, auch um Konflikte zwischen sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten zu vermeiden.
- Optimierte Aufgabenverteilung: Rollen und Aufgaben so zuweisen, dass sie den natürlichen Präferenzen und Stärken der Persönlichkeitstypen entsprechen. Beispielsweise fühlen sich introvertierte Typen oft in ruhigen, konzentrierten Arbeitsumgebungen wohler, während extravertierte Personen in kundenorientierten Rollen aufblühen können.
- Teamzusammenhalt stärken: Zur Selbstreflexion anregen und den Zusammenhalt in Teams gezielt fördern, auch durch Perspektivwechsel: Wie sieht ein anderer Persönlichkeitstyp die Dinge?
- Führungskompetenzen optimieren: Als Führungskraft nicht nur vorangehen, sondern Teammitglieder persönlichkeitsbewusst und individuell führen.
Während der MBTI qualitative Einblicke liefert, benötigen Sie für eine fundierte Personalentwicklung auch quantitative Daten. Software für Talentmanagement hilft Ihnen dabei, objektive Leistungsdaten zu erfassen und zu analysieren. Mit Tools für Leistungsbeurteilungen, Zielvereinbarungen und eNPS-Umfragen schaffen Sie eine datengestützte Grundlage, um die Entwicklungspfade Ihrer Beschäftigten strategisch zu planen und an deren individuelle Stärken anzupassen.
Kritik am Myers-Briggs-Test: Wie verlässlich ist das Modell?
Ist MBTI wissenschaftlich belegt? Nein, der Myers-Briggs-Test genießt in der Wissenschaft und Psychologie sogar einen schweren Stand. Während das wissenschaftlich anerkannte „Big-Five-Modell“ Persönlichkeitsmerkmale auf einem Spektrum misst, kategorisiert der MBTI Menschen in starre Typen. Diese binäre Einteilung (z. B. entweder introvertiert oder extravertiert) wird von vielen Forschenden als zu vereinfachend kritisiert, da die meisten Menschen sich in der Mitte des Spektrums befinden, wie sciencefocus.com berichtet.
Das hat mehrere Gründe:
- beide Erfinderinnen des MBTI waren keine Psychologinnen und hatten keinen medizinisch-psychologischen Hintergrund
- die dazugehörige MBTI-Stiftung finanzierte früher positive Studien. Deshalb standen immer wieder Interessenkonflikte im Raum
- der Test war von Anfang an monetarisiert/lizenziert
Die Wissenschaft beäugt den MBTI ebenfalls kritisch: Wie Studien auf sciencefocus.com zeigen, erhalten bis zu 35 % der Testpersonen bei einer Wiederholung nach kurzer Zeit ein anderes Ergebnis. Das stellt für einen Persönlichkeitstest eine sehr hohe Abweichung dar.
wikipedia.org nennt zudem, dass die Oxford-Professorin Merve Emre den MBTI als „Pseudowissenschaft“ erachtet. Emre beschreibt in ihrem Buch „The Personality Brokers: The Strange History of Myers-Briggs and the Birth of Personality Testing“, wie Mutter und Tochter (Briggs & Briggs-Myers) als zwei Hausfrauen und Hobby-Roman-Autorinnen den Test entwickelten. Der Test ließ sich wissenschaftlich zwar nie bestätigen, wurde aber trotzdem zum kommerziellen Erfolg quer durch Amerikas Unternehmenslandschaft.
Es gibt aber auch hin und wieder Einzelstudien, bei denen der MBTI etwas besser abschneidet und ihm zumindest eine grobe, verlässliche Orientierung attestiert wird.
Was ist das seltenste MBTI?
INFJ (der Visionär) wird in den meisten Statistiken als der seltenste MBTI-Typ genannt – lediglich 1,5 % der US-Bevölkerung sollen also visionäre Persönlichkeiten sein. Am häufigsten ist in den USA der ISFJ-Typ (der Helfer) verbreitet – mit einem Anteil von 13,8 %. Wie immer gilt aber: Das sind bestenfalls Orientierungswerte. Schließlich hat der Großteil der Menschen nie einen MBTI-Test gemacht.
Fazit: Ein Werkzeug mit Grenzen
Der Myers-Briggs-Test kann ein nützlicher Anstoß für die Selbstreflexion und die Verbesserung der Teamdynamik sein. Er bietet eine einfache Sprache, um über Präferenzen und Arbeitsstile zu sprechen. Führungskräfte und HR-Teams sollten sich jedoch der wissenschaftlichen Kritik und der methodischen Grenzen bewusst sein. Der MBTI sollte niemals als alleiniges Instrument für wichtige Personalentscheidungen wie Einstellungen, Beförderungen oder Leistungsbeurteilungen herangezogen werden. Stattdessen eignet er sich am besten als ein Baustein in einem umfassenderen Ansatz zur Personal- und Teamentwicklung, der auch auf validierten Methoden und objektiven Leistungsdaten basiert.
FAQ
Was ist der Myers Briggs Test?
Der Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) ist ein Test, der anhand von vier Dimensionen 16 verschiedene Persönlichkeitstypen ermittelt. Er soll dabei helfen, die eigenen Denk- und Handlungsweisen sowie die von Teammitgliedern besser zu verstehen und die Zusammenarbeit zu optimieren.
Welcher MBTI-Typ ist der seltenste?
Der Persönlichkeitstyp INFJ (Introversion, Intuition, Fühlen, Beurteilen), auch „Visionär“ genannt, gilt als der seltenste MBTI-Typ. Statistiken zufolge gehören nur etwa 1,5 % der Bevölkerung diesem Typ an, was ihn zu einer Ausnahme unter den 16 Persönlichkeiten macht.
Welche 16 Persönlichkeitstypen gibt es?
Die 16 Persönlichkeitstypen ergeben sich aus den Kombinationen der vier Dimensionen: ISTJ, ISFJ, INFJ, INTJ, ISTP, ISFP, INFP, INTP, ESTP, ESFP, ENFP, ENTP, ESTJ, ESFJ, ENFJ und ENTJ. Jeder Typ beschreibt eine einzigartige Mischung aus Präferenzen in der Wahrnehmung und Entscheidungsfindung.
Ist der MBTI-Test gut?
Der MBTI-Test ist in der Wissenschaft und Psychologie stark umstritten und wird oft als pseudowissenschaftlich kritisiert, da ihm die wissenschaftliche Gültigkeit fehlt. Kritiker bemängeln, dass die Ergebnisse oft nicht konsistent sind und sich bei wiederholter Durchführung ändern, weshalb er für fundierte Personalentscheidungen ungeeignet ist.

