Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Konzepte wie New Work und flexible Arbeitsmodelle prägen den Alltag und stellen tradierte Hierarchien infrage. In diesem Kontext gewinnt die geteilte Führung (Shared Leadership) zunehmend an Bedeutung – ein Modell, bei dem sich mehrere Beschäftigte Führungsaufgaben und Verantwortung teilen. Dieser Artikel erläutert, wie das Modell in der Praxis funktioniert, welche konkreten Vorteile es bietet und welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung entscheidend sind.
Wichtige Fakten
- Geteilte Führung ist ein Führungsmodell, bei dem Führungsverantwortung systematisch auf mehrere Personen im Team oder auf einer Hierarchieebene verteilt wird.
- Angesichts eines Vakanzproblems bei Führungspositionen. Laut einer Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) fehlten 2026 durchschnittlich 28.180 leitende Fachkräfte, wie KOFA ausführt. Flexible Modelle wie geteilte Führung bieten einen entscheidenden Vorteil im Wettbewerb um Talente.
- Die Bereitschaft zur Führungsübernahme wird laut businessportal24.com als gering eingeschätzt. Nur 14 % der Beschäftigten streben eine solche Rolle uneingeschränkt an, was den Bedarf an alternativen, attraktiveren Führungsmodellen unterstreicht.
- Unternehmen mit etablierten Arbeitsplatzteilungsmodellen in der Führungsebene berichten laut pwc.at von einer höheren Arbeitszufriedenheit und einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben der Führungskräfte, was sie als Arbeitgeber attraktiver macht.
Geteilte Führung – Was ist das?
Geteilte Führung Definition
Geteilte Führung ist nicht nur auf das Topmanagement beschränkt
Dabei kann geteilte Führung nicht nur auf hierarchisch höher angesiedelte Führungskräfte angewendet werden. Das Konzept der geteilten Führung kann ebenso gut in einem Team auf mittlerer Unternehmensebene oder in spezifischen Projektgruppen umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass alle beteiligten Akteure – ob Teammitglieder oder Führungskräfte – Entscheidungen auf Augenhöhe treffen, sich die Verantwortung teilen und die Entscheidungsfindung als gemeinschaftlichen Prozess verstehen.
Geteilte Führung bei Lufthansa
Ein bekanntes Praxisbeispiel ist die Lufthansa Group, die geteilte Führung anwendet, um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu verbessern. Das Modell ermöglicht es dort, dass sich Führungs- und Fachkräfte eine Position in Teilzeit teilen.
Geteilte Führung ist unabhängig vom Führungsstil
Geteilte Führung ist nicht an einen bestimmten Führungsstil gebunden. Grundsätzlich kann das Modell auch in eher hierarchisch geprägten Organisationen umgesetzt werden. Entscheidend für den Erfolg ist jedoch die Konsistenz. alle an der geteilten Führung beteiligten Personen müssen einen einheitlichen Führungsstil praktizieren. Eine Mischung aus autoritärem und kooperativem Führungsstil innerhalb eines Führungstandems wäre kontraproduktiv. Einen Überblick über die wichtigsten Führungsstile finden Sie in unserem Blog.
Warum verändert sich Führung?
Der Führungsansatz der geteilten Führung passt in eine Zeit, in der sich die Arbeitswelt stark verändert. Mit den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt verändert sich auch die Führung. Unternehmen, die erfolgreich und wettbewerbsfähig bleiben wollen, sollten sich daher verstärkt mit der Ausgestaltung von Führungspositionen und dem in ihrem Unternehmen vorherrschenden Führungsverständnis kritisch auseinandersetzen.
Ein verändertes Führungsverständnis ist vor allem Ergebnis folgender gesellschaftlicher Veränderungen:
- Die Rahmenbedingungen haben sich stark verändert. Zum Beispiel Digitalisierung, Globalisierung.
- Anforderungen an Führung haben sich geändert. Verstärkte Mitarbeitendenorientierung, zunehmende Komplexität, Betonung von Sozialkompetenzen sowie ein verändertes Kräfteverhältnis auf dem Arbeitsmarkt (Fachkräftemangel).
- Entwicklung neuer Arbeitsmodelle. Zum Beispiel New Work, agile Führung, Fernarbeit.
Geteilte Führung und Arbeitsplatzteilung
Beide Konzepte – geteilte Führung und Arbeitsplatzteilung – ähneln sich, unterscheiden sich aber im Wesentlichen dadurch, dass Arbeitsplatzteilung der Oberbegriff ist und geteilte Führung als Beispiel für Arbeitsplatzteilung gesehen werden kann.
Bei der Arbeitsplatzteilung liegt der Fokus eher darauf, dass eine Stelle geteilt wird. Das heißt, eine 100-%-Stelle wird zum Beispiel auf zwei Personen mit zwei 50-%-Stellen aufgeteilt.
Geteilte Führung ist also eine Arbeitsplatzteilung, bei der Führungsverantwortung auf mehrere Ebenen verteilt ist, zum Beispiel in der Geschäftsleitung, in der Teamleitung oder in Projektgruppen. Der Fokus liegt hier nicht zwangsläufig auf der zeitlichen Aufteilung.
Was ist Topsharing?
Topsharing ist ebenso wie geteilte Führung eine Form der Arbeitsplatzteilung. Diese Form der Arbeitsplatzteilung bezieht sich nur auf Führungspositionen, also konkret auf das Topmanagement, daher auch der Name. Dabei teilen sich zwei oder mehrere Führungskräfte die Verantwortung und die Aufgaben einer Führungsposition.
Was sind die Voraussetzungen für geteilte Führung?
Voraussetzungen für die geteilte Führung
Damit das Ganze jedoch funktionieren kann, müssen einige Grundbedingungen erfüllt sein.
- Bereitschaft der Beteiligten: Insbesondere erfahrene Führungskräfte müssen bereit sein, die Teilung von Aufgaben als Chance und nicht als Degradierung zu begreifen. Andernfalls kann sich das Konzept kaum durchsetzen. Gleichzeitig müssen auch die Teammitglieder bereit sein, mehr Verantwortung zu übernehmen. Studien zeigen laut businessportal24.com, dass die Angst vor zu hoher Verantwortung viele Beschäftigte von Führungspositionen abschreckt, weshalb die geteilte Verantwortung hier ein attraktives Einstiegsmodell sein kann.
- Klare Aufteilung und Grenzen: Darüber hinaus ist es auch bei geteilter Führung wichtig, dass die Aufgabenbereiche klar abgegrenzt sind und genau definiert ist, wer was übernimmt. Je klarer die Rollen definiert sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit von Konflikten.
- Strukturen im Unternehmen: Obwohl die geteilte Führung grundsätzlich auch in Unternehmen mit einem autoritären Führungsstil angewendet werden kann, funktioniert die Umsetzung in Unternehmen mit weniger starren Strukturen leichter und besser.
- Kommunikation: Transparenz und Kommunikation über Prozesse, Entscheidungen und Ziele sind umso wichtiger, je mehr Positionen geteilt werden. Ein regelmäßiger und guter Austausch zwischen allen Beteiligten ist daher für eine geteilte Führung unerlässlich.
Eine moderne HR-Software kann die Einführung von geteilter Führung maßgeblich unterstützen. Durch die klare Zuweisung von Rollen, Verantwortlichkeiten und Genehmigungsprozessen in einem zentralen System wie Factorial wird die Koordination erleichtert und Transparenz für alle Beteiligten geschaffen. So lassen sich potenzielle Konflikte durch unklare Zuständigkeiten von vornherein minimieren.

Welche Vor- und Nachteile hat die geteilte Führung?
Vorteile – Was bringt die geteilte Führung?
Kompatibel mit New-Work-Konzepten:
Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Unterschiedliche und neue Arbeitszeitmodelle sowie ein verstärkter Fokus auf eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf führen dazu, dass traditionelle Modelle mit einer einzigen Führungskraft weniger zeitgemäß sind. Die neuen Modelle von New Work sind vielfach besser mit einer geteilten Führung vereinbar.
Geteilte Führung Beispiel
Dieser Ansatz entspricht dem Wunsch vieler Beschäftigter nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes lag die Teilzeitquote bei Frauen in Deutschland im Jahr 2026 bei 49 %, bei Männern bei 12 %. Geteilte Führungspositionen sind ein entscheidender Faktor, um insbesondere hochqualifizierten Frauen in Teilzeit adäquate Karrierewege zu eröffnen und ihre Repräsentanz in Führungsetagen zu erhöhen.
Komplexität wird aufgeteilt / bessere, innovativere Entscheidungen:
Es ist oft sinnvoller, wenn schwierige Aufgaben und viel Verantwortung nicht nur von einer Person getragen werden. Dies kann zu besseren, häufig sogar innovativere und ausgewogenere Entscheidungen führen. Die Angst, am Ende allein für Entscheidungen verantwortlich zu sein wird durch die Aufteilung verringert. Gerade die Bewältigung von Führungsaufgaben profitiert von diesem Führungsmodell.
Zufriedene Mitarbeitende:
Wird das Modell der geteilten Führung auf Teams angewendet, stärkt dies das Vertrauen der Beschäftigten in die eigenen Fähigkeiten und in das Unternehmen. Die Übertragung von Verantwortung wird als Zeichen der Wertschätzung wahrgenommen, was die Motivation und die Arbeitsergebnisse nachweislich verbessert. Laut ebz-akademie.de belegen Studien einen positiven Zusammenhang zwischen geteilter Führung und der Teamleistung.
Weniger Abhängigkeit:
Wird Arbeit und Verantwortung auf mehrere Personen verteilt, entsteht weniger Abhängigkeit von Einzelpersonen. Bei Ausfall einer Führungskraft ist Kontinuität besser gewährleistet.
Weiterentwicklung von Kompetenzen:
Mitarbeitende, die mit neuen Verantwortlichkeiten betraut werden, ihre Führungskompetenzen weiterentwickeln und neue Perspektiven einbringen.
Herausforderungen bei der geteilten Führung
Trotz der Vorteile birgt die Umsetzung auch Herausforderungen, die eine sorgfältige Abwägung erfordern. Je nach Branche und Unternehmenskultur können diese unterschiedlich stark ausfallen.
Erschwerte Koordination:
Mehr beteiligte Akteure bedeuten auch mehr Abstimmungs- und Koordinierungsbedarf. Dies kann zu langwierigen Prozessen führen und mitunter die Effizienz reduzieren.
Nicht jede Person ist geeignet:
Nicht jede Person bringt die notwendigen Kompetenzen oder den Wunsch nach Führungsverantwortung mit. Die Bereitschaft, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, ist eine Grundvoraussetzung. Daher ist eine sorgfältige Auswahl und Vorbereitung der beteiligten Personen entscheidend.
Unklare Verantwortlichkeiten:
Wenn die Verantwortlichkeiten der einzelnen Akteure nicht klar definiert sind, kann es zu Unschärfen kommen, das heißt, Aufgaben werden nicht erledigt, weil sich niemand verantwortlich fühlt.
Welche Modelle der geteilten Führung gibt es?
Co-Leitung oder Führungsduo
In diesem Modell teilen sich zwei Personen gleichberechtigt die Führungsaufgaben. Entscheidungen werden gemeinsam gefällt, Aufgaben gemeinsam delegiert und auch die Verantwortung tragen beide zu gleichen Teilen.
Beispiel: Zwei Personen leiten gemeinsam eine Abteilung. Eine Person verantwortet den strategisch-kaufmännischen Bereich, die andere den operativ-technischen Bereich. Grundlegende Entscheidungen werden jedoch stets gemeinsam getroffen.
Führungstandem
In diesem Modell arbeitet eine erfahrene Führungskraft mit einer weniger erfahrenen Fachkraft zusammen. Die erfahrene Kraft übernimmt eine Mentoring-Rolle und fördert die Entwicklung von Führungskompetenzen. Im Gegenzug bringt die Nachwuchskraft oft neue Perspektiven und Kompetenzen, beispielsweise im digitalen Bereich, ein (Reverse Mentoring).
Agile Teams
In agilen Teams wechseln die Führungsrollen häufig. Je nach Situation und Aufgabe übernehmen bestimmte Teammitglieder die Führung. Diese Art der agilen Führung ist besonders flexibel und fördert die Innovationskraft des Teams.
Geteilte Führung im öffentlichen Dienst
Auch im öffentlichen Dienst gewinnt geteilte Führung an Bedeutung, um Führungspositionen attraktiver zu gestalten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Modelle wie „Führen in Teilzeit“ oder Arbeitsplatzteilung auf Leitungsebene werden gezielt eingesetzt, um qualifizierten Fachkräften, insbesondere Frauen nach der Elternzeit, den Verbleib in oder den Aufstieg in Führungspositionen zu ermöglichen und so wertvolles Wissen in der Verwaltung zu halten.
Maria Macher
Als Content-Strategin bei Factorial verfügt Maria Macher über umfassende Expertise in der HR-Kommunikation mit. Mit akademischem Hintergrund aus Wien und Barcelona und beruflicher Erfahrung in verschiedenen Unternehmensstrukturen analysiert sie aktuelle Entwicklungen im Personalmanagement. Ihr Fokus liegt darauf, praxisrelevantes Wissen für HR-Fachkräfte bereitzustellen und die zentrale Bedeutung der Mitarbeitenden als wichtigste Ressource eines Unternehmens hervorzuheben.
FAQ
Was ist geteilte Führung?
Geteilte Führung, auch „Shared Leadership“ genannt, bedeutet, dass Führungsaufgaben nicht von einer einzelnen Person übernommen werden. Stattdessen werden sie je nach Expertise, Situation und Motivation auf mehrere Personen im Team verteilt.

